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    Eigene Staerken erkennen: In 4 Schritten zu deinem Profil

    Du weisst nicht, was du wirklich gut kannst? Entdecke mit vier praxiserprobten Uebungen deine echten Staerken -- und nutze sie fuer bessere Karriereentscheidungen.

    Christoph Sacher|26. Februar 2026|8 Min. Lesezeit

    "Was sind deine Staerken?" -- bei kaum einer anderen Frage geraten so viele kluge, erfahrene Menschen ins Stocken. Im Vorstellungsgespraech stammeln sie etwas von "teamfaehig" und "belastbar". Im Alltag sagen sie "Ich mach halt meinen Job". Und wenn es darum geht, eine Karriereentscheidung zu treffen, fehlt ihnen die wichtigste Grundlage: ein klares Bild davon, was sie wirklich gut koennen.

    Das ist kein Zufall. Wir werden von klein auf darauf trainiert, unsere Schwaechen zu identifizieren und daran zu arbeiten. Aber niemand bringt uns bei, unsere Staerken bewusst wahrzunehmen. Das aendert sich heute. In diesem Artikel zeige ich dir vier konkrete Uebungen, mit denen du deine echten Staerken entdeckst -- nicht die, die im Lebenslauf gut klingen, sondern die, die dich wirklich ausmachen.

    Warum die meisten Menschen ihre Staerken unterschaetzen

    Es gibt ein Phaenomen, das mir in fast jedem Coaching begegnet: Menschen halten das, was ihnen leichtfaellt, fuer selbstverstaendlich. Sie denken: "Wenn mir das keine Muehe macht, kann es ja nichts Besonderes sein."

    Eine Klientin erzaehlte mir einmal, sie koenne "eigentlich nichts richtig gut". Im selben Gespraech beschrieb sie nebenbei, wie sie in ihrem Team regelmaessig Konflikte schlichtet, komplexe Sachverhalte so erklaert, dass alle sie verstehen, und neue Kolleginnen innerhalb weniger Tage integriert. Als ich sie fragte, ob das nicht ziemlich beeindruckende Faehigkeiten seien, schaute sie mich ueberrascht an: "Das kann doch jeder."

    Nein, kann nicht jeder. Aber genau das ist der blinde Fleck: Deine groessten Staerken sind dir so vertraut, dass du sie nicht mehr siehst. Sie fuehlen sich an wie Atmen -- muehelos, automatisch, unsichtbar. Und weil sie muehelos sind, haeltst du sie fuer wertlos.

    Deine Staerken sind nicht das, was dir schwerfaellt und worin du dich verbessern musst. Deine Staerken sind das, was dir so leichtfaellt, dass du vergisst, wie schwer es fuer andere ist.

    Faehigkeiten vs. Staerken: Ein wichtiger Unterschied

    Bevor wir in die Uebungen einsteigen, muessen wir einen Unterschied klaeren, den die meisten Menschen uebersehen.

    Faehigkeiten (Skills) sind Dinge, die du gelernt hast. Excel, Projektmanagement, eine Fremdsprache, Buchhaltung. Du kannst sie trainieren, zertifizieren, in den Lebenslauf schreiben. Faehigkeiten sind wichtig -- aber sie sagen wenig darueber aus, was dich im Kern ausmacht.

    Staerken sind etwas anderes. Sie sind natuerliche Denk-, Fuehl- und Verhaltensmuster, die dir Energie geben und in denen du ueberdurchschnittlich gut bist. Nicht weil du sie trainiert hast, sondern weil sie ein Teil deiner Persoenlichkeit sind.

    Ein Beispiel: Du kannst lernen, Praesentationen zu halten (Faehigkeit). Aber wenn du dabei jedes Mal innerlich aufbluehst, wenn du ein Publikum begeisterst und komplexe Ideen zugaenglich machst -- dann ist Kommunikation eine Staerke.

    Der Unterschied ist entscheidend fuer Karriereentscheidungen. Faehigkeiten sagen dir, was du tun kannst. Staerken sagen dir, was du tun solltest. Weil du dort am besten bist, wo du deine natuerlichen Staerken einsetzen kannst -- und weil du dort langfristig auch am gluecklichsten bist.

    Schritt 1: Die Flow-Analyse

    Du kennst das Gefuehl: Du arbeitest an etwas, und ploetzlich sind drei Stunden vergangen, ohne dass du es bemerkt hast. Du warst komplett versunken, hochkonzentriert, und die Arbeit hat sich nicht wie Arbeit angefuehlt. Psychologen nennen diesen Zustand Flow.

    Flow ist einer der zuverlaessigsten Indikatoren fuer Staerken. Denn du geraetest nur dann in diesen Zustand, wenn die Taetigkeit zu deinen natuerlichen Faehigkeiten passt -- anspruchsvoll genug, um dich zu fordern, aber nicht so fremd, dass du dich quaelen musst.

    Die Uebung: Fuehre zwei Wochen lang ein Flow-Tagebuch. Jeden Abend beantwortest du drei Fragen:

    1. Bei welcher Taetigkeit habe ich heute die Zeit vergessen?
    2. Wann habe ich mich heute besonders energiegeladen gefuehlt?
    3. Was hat mir heute Spass gemacht -- auch wenn es "nur" eine Kleinigkeit war?

    Schreibe alles auf, ohne zu filtern. Nach zwei Wochen wirst du Muster erkennen. Vielleicht merkst du, dass du immer dann im Flow bist, wenn du analysierst. Oder wenn du mit Menschen arbeitest. Oder wenn du kreative Loesungen fuer Probleme entwickelst. Diese Muster sind Hinweise auf deine Kernstaerken.

    Achte besonders auf die Taetigkeiten, die dir zu leicht erscheinen. Genau dort liegen oft deine groessten Staerken verborgen.

    Schritt 2: Feedback Mining

    Du hast einen blinden Fleck fuer deine eigenen Staerken -- aber andere sehen sie glasklar. Deine Kolleginnen, Freunde, frueheren Vorgesetzten und Familienmitglieder wissen genau, worin du gut bist. Du musst sie nur fragen.

    Die Uebung: Schreibe fuenf bis acht Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen eine kurze Nachricht. Formuliere sie so:

    "Ich beschaeftige mich gerade mit meiner beruflichen Entwicklung und wuerde dich um eine ehrliche Einschaetzung bitten. Was wuerdest du sagen, sind meine zwei bis drei groessten Staerken? Was kann ich deiner Meinung nach besonders gut? Und wann hast du mich in einer Situation erlebt, in der ich richtig aufgeblueeht bin?"

    Ja, das fuehlt sich unangenehm an. Ja, es erfordert Verletzlichkeit. Aber die Antworten, die du bekommst, werden dich ueberraschen. Denn andere Menschen sehen Dinge an dir, die du selbst laengst nicht mehr wahrnimmst.

    Wichtig: Frage nicht nur Berufskontakte. Dein bester Freund sieht andere Staerken als deine Chefin. Deine Schwester erinnert sich an Dinge, die dein Kollege nie beobachten konnte. Je breiter du fragst, desto vollstaendiger wird dein Bild.

    Sammle alle Antworten und markiere die Begriffe, die mehrfach auftauchen. Wenn drei verschiedene Menschen unabhaengig voneinander sagen, dass du eine besondere Gabe hast, komplexe Dinge einfach zu erklaeren -- dann ist das keine Hoeflichkeit. Dann ist das eine Staerke.

    Schritt 3: Die Kindheitsspur

    Deine Staerken sind nicht gestern entstanden. Sie waren schon da, als du acht Jahre alt warst. Damals hattest du noch keine Vorstellung davon, was "karrieretauglich" ist und was nicht. Du hast einfach das getan, was dich begeistert hat. Und genau darin liegen wertvolle Hinweise.

    Die Uebung: Nimm dir eine halbe Stunde Zeit und beantworte diese Fragen schriftlich:

    • Was hast du als Kind stundenlang gemacht, ohne dass dich jemand dazu auffordern musste? Hast du gebaut, erzaehlt, organisiert, gezeichnet, Tiere beobachtet, andere Kinder angefuehrt, Raetsel geloest, Dinge repariert?
    • Wofuer kamst du in der Schule zu deinen Mitschuelern? Kamen sie zu dir, wenn sie Hilfe brauchten? Wenn sie jemanden zum Zuhoeren suchten? Wenn ein Plan gemacht werden musste?
    • Welche Schulfaecher mochtest du -- und warum? Nicht welche dir leichtfielen. Welche dich wirklich interessiert haben. Und vor allem: Was genau hat dich daran fasziniert?
    • Was haben Erwachsene ueber dich gesagt? "Der hat so eine Fantasie." "Die kann so gut erklaeren." "Er ist immer der Ruhepol in der Gruppe." Solche Saetze sind oft fruehe Beschreibungen deiner Kernstaerken.

    Die Kindheitsspur funktioniert, weil deine grundlegenden Staerken stabil bleiben. Das Kind, das leidenschaftlich Geschichten erzaehlt hat, ist vielleicht heute jemand, dessen Staerke in Kommunikation und Storytelling liegt. Das Kind, das alles auseinandergenommen hat, hat vielleicht eine natuerliche Begabung fuer analytisches Denken.

    Nicht alles wird direkt uebertragbar sein. Aber die Muster, die du findest, werden sich mit den Ergebnissen aus Schritt 1 und 2 decken. Und genau diese Ueberschneidungen sind Gold wert.

    Schritt 4: Das Energie-Audit

    Staerken geben Energie. Schwaechen kosten Energie. Das klingt simpel, aber es ist eines der wirksamsten Unterscheidungsmerkmale, die ich kenne.

    Du kannst in etwas kompetent sein und es trotzdem hassen. Ein Buchhalter kann fehlerfrei Bilanzen erstellen -- und sich dabei jeden Tag ein Stueck mehr verlieren. Kompetenz allein reicht nicht. Wenn eine Taetigkeit dich systematisch erschoepft, ist sie keine Staerke, egal wie gut du darin bist.

    Die Uebung: Erstelle zwei Listen. Nimm dir dafuer mindestens 20 Minuten Zeit.

    Liste 1: Energiequellen. Welche Taetigkeiten in deinem Berufsalltag geben dir Energie? Wonach fuehlst du dich wacher, lebendiger, zufriedener? Das koennen grosse Dinge sein (ein erfolgreiches Projekt abschliessen) oder kleine (eine elegante Loesung fuer ein Problem finden).

    Liste 2: Energieraeuber. Welche Taetigkeiten kosten dich ueberproportional viel Kraft? Wovor drueckst du dich? Was schiebst du immer wieder auf? Was fuehlt sich an wie Schwimmen gegen den Strom?

    Wenn du beide Listen nebeneinanderlegst, wird etwas Wichtiges sichtbar: Dein Staerkenprofil ist nicht das, was in deiner Stellenbeschreibung steht. Es ist das, was auf der Energiequellen-Liste steht. Und je mehr dein Berufsalltag aus Energiequellen besteht und je weniger aus Energieraeubern, desto naeher bist du an einem Job, der wirklich zu dir passt.

    Wenn du abends nach der Arbeit erschoepft bist, frage dich nicht nur, ob du zu viel gearbeitet hast. Frage dich, ob du das Falsche gearbeitet hast.

    Dein Staerkenprofil zusammensetzen

    Nachdem du alle vier Uebungen durchgefuehrt hast, breite die Ergebnisse vor dir aus. Suche nach den roten Faeden:

    • Welche Themen tauchen in mehreren Uebungen auf? Wenn "Kommunikation" in deinem Flow-Tagebuch steht, von drei Feedback-Gebern genannt wird und auch als Kindheitsspur auftaucht -- dann ist das eine deiner Kernstaerken.
    • Welche Staerken geben dir gleichzeitig Energie? Das sind deine goldenen Staerken -- dort bist du nicht nur gut, sondern auch gluecklich.
    • Welche ueberraschen dich? Gerade die Staerken, die du als selbstverstaendlich abgetan hast, sind oft die wertvollsten. Weil du in ihnen muehelos exzellent bist.

    Formuliere dein Profil in drei bis fuenf Saetzen. Nicht als CV-Prosa, sondern in deinen eigenen Worten. Zum Beispiel:

    "Ich bin am besten, wenn ich komplexe Probleme in klare Strukturen uebersetzen kann. Ich habe eine natuerliche Faehigkeit, Menschen zusammenzubringen und verschiedene Perspektiven zu integrieren. Ich denke strategisch und behalte auch in chaotischen Situationen den Ueberblick."

    Das ist kein Bewerbungstext. Das ist dein innerer Kompass. Und diesen Kompass brauchst du, wenn du vor einer Karriereentscheidung stehst.

    Staerken als Kompass fuer Karriereentscheidungen

    Wenn du dein Staerkenprofil kennst, veraendern sich deine beruflichen Entscheidungen fundamental. Anstatt zu fragen "Welcher Job ist sicher?" oder "Wo verdiene ich am meisten?", fragst du: "Wo kann ich meine Staerken am besten einsetzen?"

    Das klingt idealistisch, aber es ist knallhart pragmatisch. Denn die Forschung zeigt eindeutig: Menschen, die ihre Staerken taeglich im Beruf einsetzen, sind sechsmal so engagiert, dreimal so zufrieden und deutlich produktiver. Sie werden oefter befoerdert, verdienen langfristig mehr und sind seltener krank.

    Der Grund ist einfach: In deinen Staerken bist du der Konkurrenz natuerlich ueberlegen. Du musst dich dort nicht anstrengen, um gut zu sein -- du bist es bereits. Und waehrend andere muehsam trainieren, was dir in die Wiege gelegt wurde, kannst du deine Energie darauf verwenden, exzellent zu werden statt nur kompetent.

    Konkret heisst das: Wenn du ueber einen Jobwechsel nachdenkst, pruefe jedes Angebot gegen dein Staerkenprofil. Welche deiner Top-Staerken wuerdest du dort einsetzen? Wie viel Prozent deiner Arbeitszeit wuerdest du in deiner Staerkenzone verbringen? Wenn die Antwort "weniger als die Haelfte" lautet, wird dich auch das hoechste Gehalt nicht gluecklich machen.

    Der haeufigste Fehler

    Ein letzter Gedanke: Die groesste Falle bei der Staerkensuche ist, nach dem zu suchen, was beeindruckend klingt. "Strategisches Denken", "Visionaere Fuehrung", "Disruptive Innovation" -- solche Begriffe stehen in Managementbuechern, aber sie helfen dir nicht.

    Echte Staerken sind oft unspektakulaer. Die Faehigkeit, zuzuhoeren. Die Gabe, Ordnung in Chaos zu bringen. Das Talent, Menschen das Gefuehl zu geben, gesehen zu werden. Diese Staerken gewinnen keinen Preis. Aber sie sind der Grund, warum du in bestimmten Situationen unverzichtbar bist.

    Unterschaetze sie nicht. Denn sie sind es, die den Unterschied machen -- fuer deine Karriere und fuer dein Leben.

    Dein naechster Schritt

    Du hast jetzt vier Werkzeuge, um deine Staerken zu entdecken. Aber vielleicht fragst du dich: Wie uebersetze ich das Ganze in eine konkrete berufliche Richtung? Genau dabei kann dir der Karriere-Check helfen. In wenigen Minuten bekommst du eine erste Einschaetzung, wo du beruflich stehst -- und wie du deine Staerken gezielter einsetzen kannst.

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    Denn der beste Karriereplan beginnt nicht mit dem Markt, nicht mit den Trends und nicht mit dem Gehalt. Er beginnt mit der Frage: Was kann ich wirklich gut?

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