Was will ich beruflich? So findest du Klarheit in 5 Schritten
Du weisst nicht, was du beruflich willst? Erfahre, warum die uebliche Herangehensweise scheitert -- und wie du in 5 konkreten Schritten echte Klarheit ueber deine berufliche Orientierung gewinnst.
Was will ich beruflich? So findest du Klarheit in 5 Schritten
"Was willst du eigentlich beruflich machen?" -- Wenn dich diese Frage laehmt statt befreit, dann bist du nicht allein. Und du bist auch nicht kaputt. Du stellst nur die falsche Frage.
Ich arbeite seit Jahren mit Menschen, die genau an diesem Punkt stehen. Klug, kompetent, erfahren -- und trotzdem voellig orientierungslos, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht. Und fast alle machen am Anfang denselben Fehler: Sie versuchen, die Antwort im Kopf zu finden. Sie gruebeln. Sie googeln Berufsbilder. Sie machen Online-Tests, die ihnen sagen, dass sie "kreativ-analytische Teamplayer" sind. Und am Ende sind sie genauso schlau wie vorher.
In diesem Artikel zeige ich dir, warum der uebliche Weg zur beruflichen Orientierung scheitert -- und welche fuenf Schritte wirklich funktionieren. Nicht als Theorie, sondern als erprobter Prozess, der hunderten meiner Klienten geholfen hat.
Warum "Was will ich?" die falsche erste Frage ist
Stell dir vor, du stehst in einem riesigen Supermarkt. Du hast Hunger -- aber du weisst nicht, worauf. Jetzt sollst du dich spontan entscheiden. Was passiert? Du irrst durch die Gaenge, greifst zu dem, was vertraut aussieht, und gehst unzufrieden nach Hause.
Genauso funktioniert berufliche Orientierung bei den meisten Menschen. Die Frage "Was will ich?" setzt voraus, dass du die Antwort irgendwo in dir traegst und sie nur freilegen musst. Aber so funktioniert es nicht. Berufliche Klarheit ist kein Schatz, den du ausgraebst. Sie ist etwas, das du Schritt fuer Schritt aufbaust.
Der Denkfehler: Wir glauben, zuerst muesse die perfekte Vision kommen, dann das Handeln. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Klarheit entsteht durch Bewegung, nicht durch Nachdenken allein.
Das Problem mit der grossen Sinnfrage ist ausserdem, dass sie dich in eine laehmendes Abwarten drueckt. Du wartest auf den Geistesblitz. Auf das Aha-Erlebnis. Auf den Moment, in dem ploetzlich alles Sinn ergibt. Und waehrend du wartest, vergehen Monate. Manchmal Jahre.
Deshalb starten wir anders. Nicht mit "Was will ich?", sondern mit drei viel nuetzlicheren Fragen:
- Was gibt mir Energie -- und was raubt sie mir?
- Welche Werte sind mir so wichtig, dass ich sie nicht verhandeln will?
- Wo ueberschneiden sich meine Faehigkeiten mit den Problemen, die mich wirklich interessieren?
Schritt 1: Mach ein Werte-Inventar
Bevor du ueber Jobs nachdenkst, musst du wissen, was dir wichtig ist. Nicht was dir wichtig sein sollte. Nicht was deine Eltern wichtig finden. Sondern was du brauchst, um dich lebendig zu fuehlen.
Werte sind dein innerer Kompass. Wenn du gegen sie arbeitest, fuehlt sich jeder Job falsch an -- egal wie gut er auf dem Papier aussieht. Wenn du mit ihnen arbeitest, bist du auch in schwierigen Phasen im Reinen mit deiner Entscheidung.
So machst du es konkret:
Schreib die folgenden Werte auf einzelne Zettel (oder in eine Liste) und sortiere sie in drei Kategorien: essenziell, wichtig, verzichtbar.
Autonomie -- Sicherheit -- Kreativitaet -- Anerkennung -- Sinnhaftigkeit -- Gemeinschaft -- Wachstum -- Einfluss -- Work-Life-Balance -- finanzielle Freiheit -- Abwechslung -- Struktur -- Gerechtigkeit -- Expertise -- Fuehrung
Ziel: Identifiziere deine Top 5. Das sind deine nicht-verhandelbaren Werte. Jede berufliche Option, die du in Betracht ziehst, muss mindestens drei davon erfuellen.
Aus der Praxis: Ein Klient von mir -- erfolgreicher Unternehmensberater, Ende 30 -- hatte jahrelang das Gefuehl, etwas stimme nicht. Im Werte-Inventar wurde klar: Sein wichtigster Wert war Autonomie. Sein Job bestand aus Fremdsteuerung. Das war nicht ein schlechter Job -- es war der falsche Job fuer ihn.
Schritt 2: Energy Mapping -- Finde heraus, was dich antreibt
Vergiss fuer einen Moment Jobtitel und Branchen. Konzentrier dich auf etwas viel Grundlegenderes: Wann spuerst du Energie, und wann wird sie dir entzogen?
Fuehre zwei Wochen lang ein einfaches Energie-Tagebuch. Notiere am Ende jedes Arbeitstages:
- Energiequellen: Welche Taetigkeiten, Gespraeche oder Momente haben dich belebt? Wann hast du die Zeit vergessen?
- Energieraeuber: Was hat dich ausgelaugt? Wo hast du dich danach muede oder gereizt gefuehlt?
Nach zwei Wochen wirst du Muster erkennen. Vielleicht merkst du, dass dich Praesentation vor Gruppen befluegeltn, aber Detailarbeit in Excel dich fertigmacht. Oder dass du in Einzelgespraechen aufbluehst, aber grosse Team-Meetings dich erschoepfen.
Diese Muster sind Gold wert. Denn sie zeigen dir nicht, was du arbeiten sollst -- aber sie zeigen dir, wie du arbeiten musst, um langfristig zufrieden zu sein.
Wichtig: Es geht nicht darum, nur noch Dinge zu tun, die Spass machen. Jeder Job hat Anteile, die nerven. Aber das Verhaeltnis muss stimmen. Als Faustregel: Wenn weniger als 30 Prozent deiner Arbeitszeit dir Energie gibt, bist du im falschen Setup.
Schritt 3: Skills-Audit -- Was kannst du wirklich?
Hier machen viele einen entscheidenden Fehler: Sie schauen nur auf ihre Zertifikate und Jobtitel. Aber deine wertvollsten Faehigkeiten stehen selten in deinem Lebenslauf.
Ich unterscheide drei Arten von Faehigkeiten:
Fachliche Faehigkeiten -- das Offensichtliche. Programmieren, Buchhaltung, Projektmanagement. Leicht zu benennen, leicht nachzuweisen.
Transferierbare Faehigkeiten -- das Unterschaetzte. Komplexe Sachverhalte einfach erklaeren. Menschen durch Veraenderung fuehren. Konflikte moderieren. Muster erkennen, die andere uebersehen. Diese Faehigkeiten sind branchenunabhaengig und oft dein groesstes Kapital.
Persoenliche Staerken -- das Selbstverstaendliche. Empathie. Ausdauer. Humor unter Druck. Dinge, die dir so leicht fallen, dass du sie gar nicht als Staerke wahrnimmst. Genau deshalb uebersehen wir sie.
So deckst du deine versteckten Staerken auf:
Frag fuenf Menschen, die dich gut kennen (Kollegen, Freunde, Familie), diese eine Frage: "Wofuer wuerdest du mich mitten in der Nacht anrufen?" Die Antworten werden dich ueberraschen -- und dir zeigen, was andere an dir schaetzen, was du selbst als selbstverstaendlich abtust.
Schritt 4: Prototype Conversations -- Raus aus dem Kopf, rein in die Welt
Dieser Schritt ist der wichtigste -- und der, den die meisten Menschen ueberspringen. Warum? Weil er Unbequemlichkeit erfordert. Du musst mit echten Menschen reden.
Prototype Conversations (auch Informationsgespraeche genannt) sind kurze, informelle Gespraeche mit Menschen, die in Bereichen arbeiten, die dich interessieren. Kein Bewerbungsgespraech. Kein Networking im klassischen Sinn. Einfach nur: neugierig Fragen stellen.
Wie das funktioniert:
- Identifiziere drei bis fuenf Berufsfelder oder Rollen, die dich ansprechen.
- Finde ueber LinkedIn, dein Netzwerk oder Branchenevents Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten.
- Schreib ihnen eine kurze, ehrliche Nachricht: "Ich orientiere mich beruflich neu und interessiere mich fuer deinen Bereich. Haettest du 20 Minuten fuer ein kurzes Gespraech?"
- Stell im Gespraech drei Kernfragen: Was liebst du an deinem Job? Was nervt dich? Was wuerdest du jemandem raten, der in deinem Bereich einsteigen will?
Warum das so wirkungsvoll ist: Du bekommst ein realistisches Bild statt einer romantisierten Vorstellung. Du entdeckst Berufe, von deren Existenz du nichts wusstest. Und du baust nebenbei ein Netzwerk auf, das dir spaeter die Tuer oeffnen kann.
Die meisten meiner Klienten brauchen fuenf bis acht solcher Gespraeche, bis sich ein klares Bild abzeichnet. Manche verlieben sich in einen Bereich, den sie vorher nicht auf dem Schirm hatten. Andere stellen fest, dass der Traumjob im Alltag gar nicht so traumhaft ist -- und sparen sich damit einen teuren Fehlstart.
Schritt 5: Kleine Experimente statt grosser Spruenge
Du hast jetzt deine Werte geklaert, weisst, was dir Energie gibt, kennst deine Staerken und hast mit echten Menschen gesprochen. Jetzt kommt der letzte Schritt: Testen, bevor du springst.
Kleine Experimente sind risikoarme Moeglichkeiten, eine neue Richtung auszuprobieren, bevor du kuendigst oder dich voellig neu aufstellst.
Beispiele fuer kleine Experimente:
- Ein Freelance-Projekt am Wochenende in deinem Interessensgebiet
- Ein Ehrenamt in einer Organisation, die dich fasziniert
- Eine Weiterbildung oder ein Zertifikat, das dir einen ersten Einblick gibt
- Ein Praktikum oder eine Hospitation (ja, auch als erfahrene Fachkraft)
- Ein Nebengewerbe, um eine Geschaeftsidee zu testen
Der Sinn dieser Experimente ist nicht, sofort die Antwort zu finden. Der Sinn ist, Daten zu sammeln. Jedes Experiment gibt dir neue Informationen darueber, was funktioniert und was nicht. Und mit jeder Information wird dein Bild klarer.
Merke: Du musst dich nicht auf Anhieb fuer den Rest deines Lebens entscheiden. Du musst nur den naechsten sinnvollen Schritt finden. Und dann den naechsten.
Die zwei groessten Fallen auf dem Weg zur Klarheit
Bevor du loslegst, lass mich dich vor zwei Fallen warnen, in die fast jeder tappt:
Falle 1: Der Leidenschafts-Mythos
"Finde deine Leidenschaft und du wirst keinen Tag mehr arbeiten." Dieser Satz klingt inspirierend -- und ist trotzdem einer der schaedlichsten Ratschlaege, die es gibt.
Warum? Weil er voraussetzt, dass es da draussen die eine Berufung gibt, die nur auf dich wartet. Und dass du sie nur finden musst, damit alles gut wird. Die Realitaet: Leidenschaft entsteht durch Kompetenz, Autonomie und Wirksamkeit. Du liebst Dinge, in denen du gut bist und in denen du wachsen kannst. Leidenschaft ist nicht der Startpunkt -- sie ist das Ergebnis.
Also warte nicht darauf, dass dich etwas magisch anzieht. Stattdessen: Werde gut in etwas, das dir nicht unangenehm ist, loes Probleme, die dich interessieren, und lass die Leidenschaft wachsen.
Falle 2: Das Gras-ist-gruener-Syndrom
Jeder Job, den du nicht hast, sieht von aussen besser aus als deiner. Der Freelancer beneidet den Angestellten um seine Sicherheit. Der Angestellte beneidet den Freelancer um seine Freiheit. Der Gruender beneidet beide um ihren Feierabend.
Deshalb sind Prototype Conversations (Schritt 4) so wichtig: Sie geben dir ein realistisches Bild. Frag nicht nur nach den Highlights, sondern explizit nach den Schattenseiten. Jeder Beruf hat sie. Die Frage ist nur, welche Schattenseiten du bereit bist zu akzeptieren.
Warum du diesen Prozess nicht allein machen musst
Alles, was ich in diesem Artikel beschrieben habe, kannst du grundsaetzlich allein tun. Aber ich waere nicht ehrlich, wenn ich dir nicht Folgendes sagen wuerde: Die meisten Menschen scheitern nicht an den Schritten. Sie scheitern an den Schleifen.
Schleifen sind die Momente, in denen du dich im Kreis drehst. In denen du immer wieder dieselben Gedanken denkst, ohne weiterzukommen. In denen du dich nicht traust, den unbequemen naechsten Schritt zu gehen. In denen dir die Aussenperspektive fehlt, um deine blinden Flecken zu erkennen.
Genau hier kann ein Coach den Unterschied machen. Nicht als jemand, der dir sagt, was du tun sollst. Sondern als jemand, der die richtigen Fragen stellt, dich in deinen Staerken spiegelt und dich durch den Prozess begleitet, wenn es unbequem wird.
Dein naechster Schritt
Du hast diesen Artikel nicht zufaellig gelesen. Irgendetwas in dir sucht nach Orientierung -- und allein dafuer verdienst du Respekt. Die meisten Menschen verdraengen dieses Gefuehl jahrelang.
Wenn du wissen willst, wo du gerade stehst und wie gross dein Handlungsbedarf wirklich ist, dann starte mit dem kostenlosen Karriere-Check. In wenigen Minuten bekommst du eine ehrliche Standortbestimmung -- ohne Verkaufsgespraech und ohne Verpflichtung.
Du musst nicht alles auf einmal wissen. Du musst nur bereit sein, den ersten Schritt zu gehen. Und den hast du gerade gemacht.